„JEDE ZEIT HAT IHRE AUFGABE,
UND DURCH DIE LÖSUNG DERSELBEN RÜCKT DIE MENSCHHEIT WEITER.“
HEINRICH HEINE

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Mi 06. Mär 2019
Jour fixe
Aschermittwoch / mit Damen / Anmeldung bis 27.02.2019

Traditionelles Matjesessen (FOTOGALERIE)

Wie in den vergangenen Jahren trafen wir uns auch wieder am Aschermittwoch (Jour fixe) im Steigenberger Parkhotel zu einem gemeinsamen Matjesessen. Natürlich gab es alternativ auch einen Salatteller. Heine-Freund Josef Hinkel erzählte uns nach den Gaumenfreuden mit launigen Worten etwas zu einem Thema seiner Wahl ...


Kurz nach sieben begrüßte Dr. Andreas Turnsek die zahlreich erschienenen Heine-Freunde und ihre Damen zum traditionellen Matjesessen im Steigenberger Parkhotel. Am Aschermittwoch noch eine Brücke zum Karneval zu schlagen, sei die Intention des Jour fixe, über die Heine-Freund Josef Hinkel das Auditorium mit Charme und Witz führen würde. Er selbst habe als Fernsehjournalist die Arbeit der Johanniter begleitet, die bereits am Altweibertag um 11:14 Uhr ihren ersten Einsatz hatten. Schadensbegrenzung als Handlungsfeld betrifft auch den Karneval. Ein fantastisches Erlebnis sei für ihn die Fahrt mit dem interreligiösen Toleranzwagen auf der dicht mit Jecken gesäumten Route des Rosenmontagszugs gewesen. Nach dem Heine-Wagen im letzten Jahr sei dies die Fortsetzung einer Aufklärungskampagne zugunsten von Toleranz, friedlichem Miteinander und Völkerverständigung. Er wünschte einen unterhaltsamen Abend und guten Appetit, da bereits die ersten Portionen Matjes vom parkettsicheren Servicepersonal aufgetischt wurden. Es gab kein Dessert, es gab einen rhetorischen Leckerbissen, Josef Hinkel live.

 

Fotografiert man ein Feuerwerk, raubt ihm die Momentaufnahme die Dynamik. Dieser irgendwie Heisenberg'schen Unschärferelation unterliegt auch der nachfolgende Bericht.

 

Rund 60 Brotsorten offeriert Bäckermeister und Heine-Freund Josef Hinkel dem großen Kreis seiner Brotfreunde, vom klassischen Oberländer bis zum pikanten Focaccia. So facettenreich wie sein Sortiment aus der preisgekrönten Backstube, so ist auch das Spektrum seiner Themen und Geschichten, die er, eine waschechte rheinische Frohnatur, auf unnachahmliche Weise „verzällt“. Sieht man ihn werktags meist im typischen Bäckerkaro mit weißem Schiffchen behütet hinter der Verkaufstheke oder beim Ausliefern auf dem Fahrrad in den Altstadtstraßen, kann sich der eine oder andere noch an das prunkvolle Prinzengewand erinnern, in dem er als Prinz Josef I. mit Venetia Barbara in der Session 2007/2008 durch das jecke Düsseldorf rockte, so konnten ihn die zahlreich erschienenen Heine-Freund und ihre Damen im modischen Nadelstreifen bewundern, den er für seinen Auftritt anlässlich des Jour fixe gewählt hatte. Bella figura kann Josef Hinkel in jeder Lebenslage.

 

In dem über die Grenzen Düsseldorfs hinaus bekannten Familienunternehmen Bäckerei Hinkel ist er in vierter Generation seit 1988 der Chef und blieb der Tradition treu, nur Backwaren zu erzeugen, auf belegte Brötchen, Coffee-to-go und anderes Zubrot konsequent zu verzichten. Die hauseigene Spezialität Printen führt er natürlich fort, die sich seit der Gründung des Unternehms 1891 immer noch großer Beliebtheit erfreut. Die Nähe zu Fortuna 1895 erklärt sich gewiss aus den beiden fast zeitgleichen Ereignissen in der historisch so genannten Gründerzeit. Heute nennt man solche Unternehmungen Start-Up. Nach einigen Sätzen schnell auf Backtemperatur, verriet er dem Auditorium sein rheinisches Manifest des seit dem Neanderthaler und der Römerzeit offenen und toleranten Rheinlands der vielen Kulturen, Ethnien und pluralistischen Lebensentwürfe, letzteres auch grundgesetzlich eingefordert und garantiert. Sein Plädoyer erinnert stark an die „Völkermühle Europas“ aus „Des Teufels General“ von Karl Zuckmayer, die der Protagonist General Harras der völkischen Rassenlehre entgegenhält. Der Schmelztiegel Rheinland ist eine historisch verbürgte Faktizität, und dies muss gerade in heutiger Zeit im Geiste von Heinrich Heine kommuniziert werden.

 

Auch auf sein karnevalistisches Engagement kam Josef Hinkel zu sprechen, räumte aber ein, kein Händchen für und keine rechte Lust auf das politische Geschäft zu haben. Dieser Expansion seiner Fähigkeiten und Begabungen machte er einen Strich durch die Rechnung, wie gleichwohl auch die Bäckerei Hinkel nie auf Expansion in Filialen gesetzt hat. Ein Glaubensbekenntnis zum Handwerk, dem er als letzter Obermeister der Bäckerinnung Düsseldorf und seit der Fusion zur Bäckerinnung Rhein/Ruhr-Region als Obermeister der Handwerksbäcker Düsseldorf mit Rat und Tat zur Seite steht.

 

Karneval, so Josef Hinkel, hat eine anarchistische, eine archaische Qualität. Damit trifft er voll den Nerv der vielen Brauchtumsdebatten. Ob dieses Credo zum Bruch mit dem organisierten Karneval geführt hat, bleibt sein Geheimnis. Immerhin ist er dem Karneval als Vorsitzender des Fördervereins Düsseldorfer Karneval treu geblieben. Karneval, so könnte man aus der Erfahrung eines Bäckers schließen, ist eine dionysische Hefe, die einmal im Jahr aufgeht und sich in allerlei Genüsse verwandelt und kostümiert. Ein durch die Zeiten gerettetes Heidentum, dem der christliche Mantel übergestülpt wurde. Der Karneval als vitaler Ausdruck von Freiheit ist oft in ein Korsett geschnürt worden, so auch bei der Pruzzifizierung des Rheinlands, wie Josef Hinkel berichtete. Der Karneval hat aber stets die Fesseln abgestreift, er ist einfach nicht klein zu kriegen. Leider ist er durch die verschärften Sicherheitsbestimmungen teuer geworden.

 

Eine weitere Passion von Josef Hinkel ist das Ausleben seines Experimentiertriebs, heißt das Entwickeln neuer Brotsorten. Neben ökotrophologischen Gesichtspunkten spielen dabei auch neue Geschmacksnuancen eine entscheidende Rolle. Seine Kreationen entpuppten sich stets als Renner für eine spezielle Liebhabergruppe. Die Nachfolge steht auch schon fest, weil sein Sohn in fünf Jahren in seine Fußstapfen treten wird.

 

Sein fulminanter Vortrag wurde vom begeisterten Auditorium mit frenetischem Applaus belohnt. Dr. Andreas Turnsek und Bernd J. Meloch übereichten ihm als Dankeschön für seinen Auftritt am Aschermittwochabend ein Buchpräsent.

 

(hb)

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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