„JEDE ZEIT HAT IHRE AUFGABE,
UND DURCH DIE LÖSUNG DERSELBEN RÜCKT DIE MENSCHHEIT WEITER.“
HEINRICH HEINE

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Mi 05. Jul 2017
Jour fixe
Herrenabend

Digitale Revolution in der Medizin

Vortrag von Prof. Dr. med. Dietrich Baumgart Ein Prolog: Digitale Transformation ist der Oberbegriff einer rasanten Entwicklung, die sämtliche Lebensbereiche anbetrifft und mit der tiefgreifende Veränderungen einhergehen. Diese Umwälzungen, mit dem Web 4.0, dem "Internet der Dinge", konnotiert, sind demzufolge mit der Upgrade-Kennziffer 4.0 indiziert: Industrie 4.0, Arbeit 4.0, Straße 4.0, Social Media 4.0, um nur einige Bereiche zu nennen. Beispiele sind der 3D-Drucker und die Smart Factory. In diesem Kontext eines Paradigmenwechsels stehen auch die Medizin und das Gesundheitswesen. Spannend ist also die Frage, was bereits passiert ist, womit in nächster Zukunft zu rechnen ist und wie es vermutlich weitergeht.


Für die Vermittlung tiefer Einblicke in dieses spezielle Metier konnte der Heinrich Heine Kreis mit Professor Dr. Dietrich Baumgart einen ausgewiesenen Experten gewinnen, der seinen brillanten, foliengestützten Bericht unter dem Titel Revolution in der Medizin vortrug. Neben der nuancierten Darstellung der kommenden Entwicklungsstufen in vielen ihrer Facetten beleuchtete Prof. Baumgart jedoch auch die künftige Rolle des Arztes in diesem Ensemble smarter Tools und selbstlernender Algorithmen und wies kritisch auf mögliche Risiken und potenzielle Gefahren dieser Entwicklungen hin, die signifikant das tradierte Selbstverständnis des Patienten als den um sein gesundheitliches Wohlergehen besorgten Menschen tangieren. Revolution ist hier kein Reizwort, sondern der hinsichtlich der Tragweite und der Veränderungen angemessene Begriff. Hinzu kommt noch das Moment der Akzeleration, der enormen Beschleunigung dieser Entwicklungen und Innovationen in "Echtzeit".

 

Professor Dr. med. Dietrich Baumgart ist ein international anerkannter Internist und Kardiologe und Partner der Gemeinschaftspraxis Preventicum, Zentrum für individualisierte Medizin.

 

Eine vollständige Wiedergabe seines Vortrags würde indes die Grenzen dieses Berichtes sprengen. Deshalb werden hier auszugsweise einige Aspekte vorgestellt, die auch in der anschließenden Diskussion aufgegriffen wurden.

 

Eingangs seines Vortrags präsentierte Prof. Baumgart die längst schon Einzug gehaltene Digitalisierung in der Medizin inmitten unseres analogen Alltags, so wie er es in seinem Interview im Gesundheits-Manager 2017 präzise auf die Punkte gebracht hat. "Wir generieren mittlerweile eine Riesenmenge an Daten, die medizinisch relevant ausgewertet werden können. In Krankenhäusern gibt es bereits digitale Krankenakten, wir erfassen Werte durch mobiles Monitoring, betreuen Patienten per Telemedizin und führen wissenschaftliche Analysen durch. Doch das ist nur ein kleiner Teil. Einen Großteil an gesundheitsbezogenen Daten erheben wir heute auch durch mobile Endgerate, wie Smartphones und sogenannte Wearables. Sie bieten eine Fülle an Sensoren sowie zunehmend biometrische Erkennungsverfahren. So lassen sich etwa Blutdruck, Puls, Atmung, Herzfrequenzvariabilität, Herzrhythmus, Diabeteswerte und Gewicht mobil überwachen. Gleichzeitig werden das Schlaf- sowie Bewegungs- und Essverhalten aufgezeichnet. Doch damit nicht genug. Die Daten werden nicht nur erfasst. Sie werden auch immer mehr vernetzt und im Rahmen der Therapie eingesetzt."

 

In naher Zukunft, so Prof. Baumgart, wird beispielsweise das Automobil eine zentrale Funktion in der Überwachung und Steuerung des Fahrers anhand gesundheitsrelevanter Indikatoren und Parameter einnehmen. So werden mittels Erkennung von Müdigkeit und Schweißausbrüchen, aber auch von Unsicherheiten im Fahrverhalten die Funktionen des Autos entsprechend reguliert, wie z.B. Drosselung der Fahrgeschwindigkeit bis hin zum Stopp am Straßenrand bei notfalls gleichzeitiger Benachrichtigung von Rettungsdiensten. Weitere Anwendungen sind Monitoringprogramme, die bei kritischem Befund Ärzte oder Pflegedienste benachrichtigen. Minisensoren in Badezimmerspiegeln oder Zahnbürsten überwachen bei dementen Menschen die Einnahme der Medikamente bzw. die Regelmäßigkeit der Zahnpflege. Fast anwendungsreif sind Chips, die als Implantate oder auf der Haut angebrachte Sensoren rund um die Uhr die Zustände bei den an Diabetes erkrankten Menschen kontrollieren und bei Abweichungen Empfehlungen aussprechen bzw. den Arzt einschalten. Auch wird neben der Entwicklung verfeinerter Geräte für die granulare Diagnostik schon angesichts der exponentiell wachsenden Datenmenge, Bis Data, die Prognostik weiterentwickelt, sodass beispielsweise validere Aussagen, wie z.B. über den Zeitpunkt eines Schlaganfalls, getroffen werden können. Silicon Valley hat das große Geschäft längst in Angriff genommen, um hier die Marktführerschaft von Apple, Google & Co. auszubauen.

 

Wird einerseits durch die zunehmende Digitalisierung die Versorgung von Einzelpatienten und Bezugsgruppen mit identischem Krankheitsbild intensiviert und optimiert, so müssen die Patienten indes lernen, die zur Verfügung stehenden Tools und Instrumente adäquat zu nutzen und vor allem bewusst mit den Informationen umzugehen.

 

Risiken bestehen indes in den Punkten Datenschutz, der richtigen Interpretation der von Diagnoseplattformen und Therapieforen im Internet verbreiteten Daten durch den Patienten sowie der fehlenden Qualitätskontrolle der beispielsweise von Smartphones gelieferten Befunde. Dass sensible medizinische Daten von Ärzten und medizinischen Einrichtungen geschützt werden müssen, ist oberste Maxime. Aber auch die gezielte Auswertung von Online-Datenfluten zu Krankheiten und körperlichen Beschwerden ist ein Gebot der Stunde, die zu leisten nur der Arzt als Partner in der Lage ist. Da tummeln sich viele fragwürdige Dr.-Feelgood-Angebote im Netz, die mit der Angst der Menschen spielen.

 

Die zugunsten des Datenschutzes restriktive Haltung Deutschlands, beispielsweise festzumachen an der Verhinderung der Implementierung der digitalen Krankenakte in die Gesundheitskarte der Krankenkassen, schränkt andererseits wiederum die wissenschaftliche Forschung zur Verbesserung von Früherkennung, Prophylaxe und Therapien ein, weil nicht auf die für die Korrelationen erforderlichen Daten zurückgegriffen werden kann. Ein zweischneidiges Schwert, das schnell zu Pauschalierungen führt.

 

Die Freizügigkeit in den USA erlaubt den großen Softwareentwicklern, in diesem Segment gewaltige Innovationssprünge zu zeitigen und den technologischen Vorsprung auszubauen. Aber mit der Gefahr verbunden, dass diese Giganten als Herren der Daten damit neue Geschäftsmodelle generieren. Banken, Versicherungen und Arbeitgeber beispielsweise erhalten exakte Gesundheits-Profile ihrer Kunden und Mitarbeiter, so eine Art Gesundheits-Schufa, die Tür und Tor für Missbrauch und Manipulation öffnet. Big Brother lässt grüßen. Diese begründete Sorge wurde auch in der anschließenden Diskussion deutlich und dezidiert vorgetragen (der berühmte französische Soziologe Michel Foucault hat bereits in den 70-er Jahren den Begriff "Bio-Polizei" für diese Entwicklung geprägt, Anm. des Verfassers).

 

Letztlich wird die Digitale Revolution in der Medizin auch die Rolle des Arztes neu definieren. Früher erster Ansprechpartner, wird er zunehmend die Rolle des Beraters und Interpreten der Daten im Hinblick auf mögliche Therapien einnehmen. Für diese Funktion verfügt nur er allein dank seines längjährigen Studiums und seiner praktischen Erfahrungen über fundiertes Wissen und die erforderliche Intuition. Medizin basiert auf Empirie, ist eine Erfahrungswissenschaft, die noch so smarte Algorithmen nicht leisten können. Sie sind lediglich reine Beschaffer von Daten, die sie als automatische Daten-Analysten in Rekordzeit zusammentragen und aus der Datenfülle extrahieren können. Doch gezielte Auswertung und entsprechende Schlussfolgerungen kann nur der erfahrene Mediziner treffen. Dank der Digitalisierung wird eine wesentlich stärkere integrative Vernetzung biologischer. medizinischer und statistischer Daten erzielt, die dem Arzt zu einer besseren Beratung und Behandlung verhelfen.

 

Für seinen ausgezeichneten Vortrag wurde Prof. Baumgart mit großem Applaus bedacht. Gerne stellte er sich den Fragen aus dem Auditorium zur Verfügung.

 

Sein anregender Vortrag entfachte eine angeregte Diskussiion. Vorgetragen wurde aus dem kritisch gestimmten Heine-Kreis, dass wie seinerzeit in der BWL der Faktor Mensch außer Acht gelassen wurde, um den es doch wesentlich geht. Seitens der Medizin wurde darauf verwiesen, dass sich die Digitalisierung einzig der analogen Erfahrungen der Ärzte in Praxis und Forschung bedient und auch künftig auf dieses Wissen nicht verzichten kann. Einen Schwerpunkt in der Diskussion bildeten die Szenarien der Schwachstellen der Digitalisierung, Datensicherheit und Datenhandel. Beispielsweise sind Smartphones ausgemachte Datenpiraten. Und durch die unselige Allianz von Whatsapp und Facebook werden Nutzerdaten fleißg gesammelt, wodurch der User unfreiwillig zum Opfer wird. Nicht zuletzt sind auch Intranets nicht vor Hackerangriffen sicher.

 

Ende offen. Viele Fragen können derzeit nicht beantwortet werden. Doch Ende gut. Der Vortrag von Prof. Baumgart hat im Sinne von Heinrich Heine ein großes Maß an Aufklärung geleistet und für die nutzbringenden Möglichkeiten, aber auch die impliziten Risiken der Digitalen Revolution sensibilisiert. Eine Dialektik, die den Namen Revolution zurecht trägt.

(hb)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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