„JEDE ZEIT HAT IHRE AUFGABE,
UND DURCH DIE LÖSUNG DERSELBEN RÜCKT DIE MENSCHHEIT WEITER.“
HEINRICH HEINE

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Mo 03. Jun 2019
Jour fixe, Lesung und Vortrag

„Ohne jede Spur - Wahre Geschichten von vermissten Menschen“

 (Fotos: www.heine-kreis.de • Termine)

100.000 Menschen werden jährlich in Deutschland als vermisst gemeldet. Darunter fast 50.000 Kinder und Jugendliche. Die Dunkelziffer ist ungleich höher. Denn die Vermisstenanzeige bei der Polizei ist bloße Formsache, wie die Meldung einer entwendeten Einkaufstasche beim Discounter. Die rund 500.000 betroffenen unmittelbaren Angehörigen erhalten weder Hilfe noch Beratung und Betreuung, sind in ihrer Verzweiflung auf sich alleine gestellt. Dass Menschen spurlos verschwinden, findet in der Politik zwar manchesmal Gehör, doch dieses Thema wird in der politischen Debatte peinlichst vermieden und verschwindet jenseits des Horizonts des gesellschaftlichen Diskurses. Heine-Freund Peter Jamin beschäftigt sich seit 25 Jahren mit diesem Thema und weiß kompetent und empathisch darüber zu berichten ..

„Ohne jede Spur. Wahre Geschichten von vermissten Menschen.“ So heißt das bereits vierte Buch zu diesem aufschreckenden und tief berührenden Thema aus der Feder von Heine-Freund Peter Jamin, seit über 25 Jahren unermüdlich engagierter Pionier in dieser Dunkelzone und ehrenamtlicher Berater und Betreuer von betroffenen Angehörigen in mehr als 2.000 Fällen. Die Veröffentlichung des im Rowohlt-Verlags vor Tagen erschienenen Buchs war Anlass für den Autor, den Heine-Freunden und ihren Damen dieses tragische psychosoziale Phänomen in Facetten zu beleuchten und anhand von „Fällen“ die Intensität dieser Lebensdramen zu veranschaulichen.

 

Drei große Tische waren aneinandergerückt, damit die zahlreich erschienenen Heine-Freunde und ihre Damen ein auch optisches Come-Together bilden konnten, als Dr. Andreas Turnsek, Vorstand des Heinrich-Heine-Kreis e.V., die Anwesenden herzlich begrüße und damit den Jour fixe eröffnete. Ihm gefiele diese neue Auditoriums-Architektur, ließ er wissen, sodass man künftig diese Sitzordnung beibehalten solle. Er stellte den Autor Peter Jamin in kurzen Worten vor, wies auf die Sendung im ZDF am kommenden Donnerstag hin, 23:30 Uhr, „ZDF-Talk mit Markus Lanz“, in der Peter Jamin zur Buchbesprechung eingeladen wurde.

 

Sie verschwinden plötzlich spurlos, verlassen Hals über Kopf ihr gewohntes Leben, spontan, ohne Ankündigung, ohne Abschiedsbrief, hinterlassen ratlose und verzweifelte Familienangehörige, sind auf einer Flucht ins Ungewisse, auf der Flucht vor sich selbst, haben sich selbst verlassen. Die Anlässe sind vielfältig - Schulden, Versagensängste, Depressionen, Panik vor der Aufdeckung einer Straftat. Die Hälfte kehrt nach einer Woche zurück, rund 80 % lassen ihr soziales Umfeld einen Monat im Ungewissen. Doch 3%, sprich 3.000 Menschen, bleiben mehr als ein Jahr fern, manche kehren nie wieder, etliche werden Opfer von Verbrechen.

 

Peter Jamin hat 18 Fälle mit unterschiedlichen Verläufen in seinem Buch vorgestellt. Sein Stil ist Literary Journalism, der die unter die Haut gehende Emotionalität der Schicksale intensiv zum Ausdruck bringt. Er liest Passagen aus einer Geschichte vor, die ein Happy End hat. Ein Manager mittleren Alters, dem sein Leben über den Kopf gewachsen ist, bricht aus, ergreift die Flucht, stellt sein Auto an der Autobahn ab, wird von einem Trucker mitgenommen, der eine Fracht nach Spanien transportiert. Irgendwann unterwegs bricht der Manager sein Schweigen, erzählt, warum er weg will, nichts wie weg will. Neue Firma übernommen, Achtzehn-Stunden-Tag, nur noch Verantwortung für die Firma, Umsatzsteigerung, Neukundenakquisition, Bilanzen, die Arbeitsplätze der zigtausend Beschäftigten. Der Fahrer hört ihm zu, versteht seine panische Reaktion, eröffnet ihm aber seine Lebensbeichte, dass er seine Partnerin einmal betrogen habe. Nicht mit dieser Schuld hätte er weiter leben können, die Aussprache habe das Vertrauen zueinander wieder hergestellt. Es sind noch 200 Kilometer bis Barcelona, als der Fahrer seinen Fahrgast bekehrt hat, mit ihm zurückzufahren. Dort neu zu beginnen, wo er in seiner Ausweglosigkeit die Flucht ins Ungewisse gewagt hatte, ungeachtet der Sorge und Verzweiflung seiner Familie und Kollegen.

 

Diese Story löste Betroffenheit aus, weil diese Story authentisch ist, wie all die vielen Geschichten, die Peter Jamin berichtet und noch berichten könnte. Anonymisiert sind nur Namen und Schauplätze der Handlung.

 

Peter Jamin hat in diesen 25 Jahren nichts unversucht gelassen, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Politiker zu alarmieren, aber auch Beratungsangebote zu entwickeln und zu praktizieren sowie mit Experten Hilfestellungen zu publizieren. Erinnert sei nur an die WDR Sendereihe „Vermisst - Über Menschen, die verschwinden und jene, die sie suchen“, hingewiesen sei auf den ersten „Vermisst-Ratgeber für Angehörige, Freunde und Kollegen“ in Buchform. Dazu noch drei Sachbücher über das Thema. Mit Innenmininistern und Ausschüssen auf Landes- und Bundesebene ist er immer wieder in Kontakt getreten, um für engagierte und zielführende Hilfsangebote seitens der Behörden zu werben, mit Polizeipräsidenten und der Polizeigewerkschaft steht er im Austausch, um in diesem polizeilichen Aufgabenbereich deutliche Verbesserungen zu bewirken. Peter Jamin lässt nicht locker.

 

Ein zunehmender Problemfaktor ist die Demenz, weil der Anteil älterer dementer Menschen signifikant wächst. Sie verschwinden aus Haushalten und Seniorenheimen, fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln irgendwo hin. Finden nicht zurück, weil sie vergessen haben, woher sie gekommen sind. Unbeaufsichtigt, ohne Nahrung und oft nur ich Nachtbekleidung irren sie oft in Wäldern umher oder landen beispielsweise bei Obdachlosen, die sie aufnehmen und mit dem Nötigsten versorgen. Etliche davon erleiden auf dieser Irrfahrt den Tod.

 

Eigentlich ein Aufgabengebiet mit hoher Priorität für die sozialpsychologische Forschung. Doch es gibt so gut wie keine Literatur und ein wissenschaftliches Interesse an diesem Handlungsfeld. Man könnte den Eindruck gewinnen, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft hätten dieses Thema als persönliche Schicksalsangelegenheit einer verirrten Seele ad acta gelegt.

 

Im “ ZDF-Talk“ mit Markus Lantz wird Peter Jamin zum Fall der verschwundenen Rebecca Reusch seine Theorie als Vermissten-Experte zur Sprache bringen. Entgegen der polizeilichen Annahme, Rebecca sei ermordet worden, könnte das Mädchen noch leben, weil es sich über Internet in jemandem verliebt habe, zu ihm gezogen ist, oder Opfer eines Verbrechens geworden ist. Es gibt zahlreiche dieser Fälle, dass junge Mädchen heimlich zu einem geliebten Mann ziehen, die typische Runaway. Es gibt aber auch schreckliche Fälle, wo junge Menschen entführt worden und eingesperrt worden sind. Erinnert sei an Stephanie R. aus Dresden 2006 oder an den Fall Dutroux beispielsweise.

 

Bekannt sind auch Fälle, in denen Vermisste nach langer Zeit wieder bei ihren Angehörigen auftauchen, oft, weil sie unheilbar erkrankt sind und in der Heimat sterben wollen. Oder es werden Fälle von Vermissten nach Jahren aufgedeckt, weil sie an ihrem neuen Domizil beispielsweise einen neuen Pass benötigen oder dort gestorben sind und ein Behördenmitarbeiter über seinen Schatten gesprungen ist, die Angehörigen informiert hat, obwohl er damit gegen das Auskunftsverbot verstoßen hat.

 

Abschließend verdeutlichte Peter Jamin die die Problemkreise im Kontext der Vermissten: Der erste Problemkreis hat den Vermissten mit all seinen Problemen und Handlungsweisen im Zentrum, der zweite Problemkreis zieht sich um die Lage der betroffenen Angehörigen, Freunde und Kollegen in seelischer und materieller Observanz, von der Sorge und Verzweiflung bis hin zur Wohnungsauflösung der vermissten Personen, der dritte Problemkreis beinhaltet das Dilemma bei einer Rückkehr der Vermissten nach längerer Abwesenheit.

 

Die Ausführungen von Peter Jamin wurden mit starkem Applaus bedacht und ihm vom Auditorium hohe Anerkennung für sein Engagement mit langem Atem gezollt.

 

In der anschließenden Diskussion verriet Peter Jamin noch, dass einer der von ihm beschriebenen Fälle, „Entführung auf Ibiza“, mit Desiree Nosbusch demnächst verfilmt wird. Von der Medienstiftung NRW ausgezeichnet, wird dieser Film mit € 20.000,00 gefördert.

 

Peter Jamin erhielt unter Applaus das Buchgeschenk für Referenten aus der Hand von Dr. Andreas Turnsek. Bernd J. Meloch nutzte die Gelegenheit, auf kommende Veranstaltungen hinzuweisen: die Airport-Fotosafari mit separatem Damenprogramm und Mitgliederversammlung am 1. Juli 2019 im Maritim-Hotel und das Spielplan-Dinner im Jungen Schauspiel am 13. Juni 2019. Außerdem wies er auf eine zur Abstimmung stehende Satzungsänderung hin: die Aufnahme von weiblichen Mitgliedern in den Heinrich-Heine-Kreis e.V.. Diese Ankündigung fand vor allem bei den anwesenden Heine-Freunden volle Zustimmung.

 

(hb)  

 

 

 

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