„JEDE ZEIT HAT IHRE AUFGABE,
UND DURCH DIE LÖSUNG DERSELBEN RÜCKT DIE MENSCHHEIT WEITER.“

HEINRICH HEINE

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Mo 06. Mai 2024

Zufall und Unwissenheit - Einflussfaktor und Entscheidungshilfe • Markus Eckartz

Oft kann man Vorträge schwerlich in einen Bericht oder gar Protokoll einkleiden, weil aus dem bunt schillernden Kostüm letztlich ein fadenscheinig grauer Anzug wird. Deshalb sei es an dieser Stelle erlaubt, persönliche Eindrücke eines Seelenverwandten - Generation Silent - in Art von Sentenzen zu Papier zu bringen.

 

„I`m the Indian of the Group”, Visitenkarte von Cal Schenkel, Anarcho-Cover-Designer für Frank Zappas “Mothers of Invitation”. Mit dieser Zuschreibung offenbarte der Marketingexperte Cal charmant sein pures Unwissen über artig gelernte und ständig fleißig, schablonenhaft eingesetzte Mechanismen der Zielgruppenansprache. Cal war Indian wie Zappa, las Spuren, um den Weg zum Ziel zu finden, hielt die Nase in den Wind, um Beute zu schnuppern. Zappa komponierte als Autodidakt ohne Diplom etliche Symphonien, die von namhaften Dirigenten aufgeführt wurden. Spontane Assoziationen nach dem Vortrag von Markus Eckartz, der seine Vita vom Drucklagenhersteller zum Agenturgründer und Speaker im Fahrwind der rasanten und disruptiven Transformation - Change & Challenge - der analogen Gutenberg-Ära in den digitalen Space von Internet und Social Media eindrucksvoll und pointiert erzählte, Storytelling. Nichtwissen oder Noch-Nicht-Wissen war beim Eintritt in die nächste Stufe seiner Laufbahn stets der Standpunkt und Startpunkt zugleich, diesen neuen Space von Kreativität und Profession wie eine terra incognita sich zu erschließen. Wie mit Kinderaugen ungetrübt und ohne Filter die umgebende Welt betrachten und verstehen. Nichtwissen war auch das Credo von Sokrates, eine conditio sine qua non, um jenseits der allerweltserklärenden Mythologie die ihn umgebende Welt zu begreifen. Soviel zum Lob des Nichtwissens als Kompetenz wissbegieriger Exploration anstelle von satter Expertise.

 

Zufälle liefen ihm über den Berufsweg bzw. waren entscheidungsstiftende Stolpersteine, einen neuen, weiteren Anlauf ins faktisch Unbekannte zu nehmen. Nun mögen wir Zufälle nicht besonders, weil sie aus dem Jenseits unseres Erwartungshorizonts sich uns plötzlich in die Quere stellen, eine Reaktion verlangen. Diese Zufälle sind indes nicht die völlig unerwarteten Black Swans oder die aus Leichtsinn aus dem Blick geratenen unheilschwangeren Grey Rhinos, es sind vielmehr die smarten Silver Linings, die in Art einer Wende oder Weiche den Übergang in eine neue Phase bedeuten, wo statt Risiken enorme Chancen warten. Planen lassen sich solche Wegmarken schwerlich, weil ein Plan ein flaches, sprich zweidimensionales Unterfangen ist, welches die Dimension der Höhe, aber auch Tiefe nicht in den Blick bekommt, wo die Hindernisse lauern, die den Weg zum gesteckten Ziel versperren. Einstein zufolge ersetzt Planung den Zufall durch Irrtum. Zufall steht auch in einer Bedeutungssymbiose mit Zukunft. Es fällt uns etwas zu, meint das eine, es kommt etwas auf uns zu, so das andere. Mitunter in einer Koinzidenz. In der griechischen Mythologie ist der alternative Gott der Zeit Kairos, ein Sohn von Chronos, der die Chronometrie bis hin zum Time-Management in die Welt gesetzt hat. Der anarchische Kairos hingegen taucht plötzlich auf, und wenn es gelingt, seinen Schopf zu fassen, ist das Glück einem hold.

 

Raketen-Wissenschaftler. Interessante Berufsbezeichnung im Sektor Marketing. Im Kontext denkt man wohl eher an Wernher von Braun, Vater des Apollo-Programms, unter dessen Regie die Mondlandung glückte, Fußstapfen auf dem vermeintlich unerreichbaren Ziel. Per aspera ad astra. Folglich generierten Rocket und Space ab den 70-ern eine Aufbruchsstimmung und Erwartungshaltung, die den Traum vom Fliegen in die Rente schickten. Fliegen war alltägliche Massenware. Rocket und Space dominierten vor allem in der Musik, in der Mode und im medialen Sektor von Cinema und Entertainment. Laut dem Historiker Yuval Noah Harari verdankt der homo sapiens seine kulturelle Evolution dem Vermögen der Fiktion. Fiktion vor allem als science fiction. Was alles an technologischen Errungenschaften wurde in Romanen und Filmen präsentiert. Doch etliche dieser Fiktionen sind mittlerweile harte Wirklichkeit in Echtzeit. Vor allem der Siegeszug von Computern und artverwandten Informationstechnologien. Der persische Gelehrte Al Khwarizmi, Vater des Algorithmus, hätte um 850 nicht geahnt, Ada Countesse of Lovelace, Tochter von Lord Byron, um 1850 den ersten Rechner bauen ließ, der dann letztlich über die mathematischen Grundlagen von Alan Turing, der Enigma knackte, zu Konrad Zuse und weiter zu Bill Gates sowie Steve Jobs, Steve Wozniak und Ron Wayne führte, die aus der Garagenfirma den Grundstein für Silicon Valley legten. Markus Eckartz ist bei diesen Trip als Anwender mitgefahren, um die Potentiale dieses Neulands zu erkennen und auszuschöpfen, also Wissen schaffen. Der Zwilling des Wissenschaftlers ist der Ingenieur, der die Gabe des Ingeniums besitzt, Begriffsnachbar Genie, also Erfindungsgeist, das Wissen in Maschinen nutzbar zu machen. Aber diese Maschinen mit all ihrem Inventarium brauchten eine Neue Welt, einen Space, um die Vielfalt inhärenter Möglichkeiten zu entfalten, als nur mit Lochkarten zu spielen, die Schreibmaschine zu ersetzen, Bilder zu zeichnen. Das Tor zu diesem Space schloss Tim Berners-Lee auf, das World-Wide-Web, die Geburtsstunde der digitalen Globalisierung in Lichtgeschwindigkeit mit letztlich Social Media. Einzig Raketen sind die Vehikel, die im Speed dieser Akzeleration noch wahrnehmbar sind. The Rocket Scientists. Zu Marketing passt dieser Name. Wie eine Rakete ungeahnte Höhen erreichen, wie eine Rakete einschlagen, wie eine Rakete eine Botschaft in Umlauf bringen. Nicht zuletzt: Eine Rakete brachte Tamagotchi wieder zurück zum Heimatstern, nachdem es weltweit - bei Kindern vornehmlich - die enge soziale Beziehung zwischen Mensch und Maschine gestiftet hatte, die als schmusige Konditionierung das Kardinalprinzip der Wirkweise von Social Media etabliert hat. Man kann voneinander kaum lassen.

 

„Hör mir auf mit gestern!“ Das ist Punk, zweifelsohne. Musikalisch eine Art Minimal Art, wie die Anfänge des Rock’n’Roll. Kurze Songs, provokativ, aggressiv, leicht pornographisch die Attitüden. Eine Subkultur im Musikentertainment gegen Bombast-Rock und Diskosound. Aber kurzlebig, darum nur wenige Zeilen. Vom soziokulturellen Immunsystem abgestoßen, von Fashion und Design adaptiert und marktfähig gemacht. So verschwanden sie schnell im Aufmerksamkeitshorizont, diese Remakes der Irokesen. „Indian of the group?“. Das war Mitte der 70er keine existenzfähige Lebensphilosophie mehr. Wie parallel die Hippiekultur. Doch – wir wissen nicht, oder wissen nicht mehr, was wir wussten, was sich im Underground tut. Wir schauen ja systemkonform nur in die Höh.

 

P.S. Zum akademischen Punk. Nicht alle pflegen den Kathedralenblick. Norbert Wiener schaute sich im Hades um, fand Fährmann Charon und begründete die Cybernetics, die wissenschaftliche Basis für IT und Cyberspace. Paul Feyerabend, „Anything goes“, unterminierte das Fundament der etablierten Theorien und Methoden, fand die Statik indes äußerst bedenklich.

 

(hb)

 

Die Verlauf des Abends hat HF Rolf Purpar mit zahlreichen Fotos festgehalten.

 

 

 

 


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