„JEDE ZEIT HAT IHRE AUFGABE,
UND DURCH DIE LÖSUNG DERSELBEN RÜCKT DIE MENSCHHEIT WEITER.“
HEINRICH HEINE

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Fr 21. Jul 2017

Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer bestätigt Ehrenmitgliedschaft

Als Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hatte er seinerzeit die Aufstellung der Heine-Büste in der Walhalla nachdrücklich unterstützt. Bei der feierlichen Enthüllung der Büste am 28. Juli 2010 hielt er vor zahlreichen geladenen Ehrengästen die im Folgenden nochmals abgedruckte Festrede. ....


 

Festakt aus Anlass der Aufstellung der Büste von Heinrich Heine in der Walhalla am 28. Juli 2010: Festvortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer (Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste)

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren!

„Nicht gedacht soll seiner werden!“ So lautet der berühmte Fluch aus Heines spätem Gedicht, geschrieben in der Pariser Matratzengruft

Ausgelöscht sein aus der Menschen

Angedenken hier auf Erden,

Ist die Blume der Verwünschung –

Nicht gedacht soll seiner werden!

Wie oft ist Heinrich Heine selber von diesem Fluch getroffen worden, am furchtbarsten und scheinbar definitivsten im Dritten Reich. Wie oft hat man in ihm einen religionszersetzenden, gesellschaftsgefährdenen und vaterlandslosen Gesellen sehen wollen. So ist auch seine Berufung an die Münchener Universität gescheitert, und welchen Schmähungen er sich in den finsteren Zeiten deutscher Geschichte, aber auch von seiten bedeutender Dichter und Intellektueller bis hin zu Karl Kraus ausgesetzt sah – denen die Liebe der großen deutschen Komponisten zu seiner musikalischen Lyrik glückhaft entgegensteht –, braucht nicht wiederholt zu werden.

Von dem Fluch, den der Nationalsozialismus über ihn verhängte, hat er – der im 19. Jahrhundert trotz seines Judentums und des schwelenden oder offen lodernden Antisemitismus doch der beliebteste deutsche Lyriker war – sich bis heute nicht ganz erholt. Doch an diesem Tag soll seiner mit Herz und Vernunft gedacht werden – an einem Ort, an dem er sich das nicht hätte träumen lassen, ausgerechnet in der „marmornen Schädelstätte“, die er – wie ihren Gründer Ludwig I. – so nachhaltig verspottet hat. „Nur Luther, der Dickkopf, fehlt in Walhall“, hat sich Heine mokiert. Das hat sich längst geändert. Doch dass er selber ,in Walhall’ einziehen würde, hätte er für einen Treppenwitz der Geschichte gehalten. Noch nie ist die Büste einer Persönlichkeit in der Walhalla aufgestellt worden, die eben dieses Bauwerk und dieses Ritual so zynisch verworfen und verhöhnt hat wie er. Warum also nimmt man ihn nun auf unter die „Walhallagenossen“, obwohl wir ihn doch geradezu aus dem Grab heraus dagegen protestieren hören?

Könnte er freilich sehen, wie und in welcher Gestalt er hier und heute einen Platz an dieser Stätte des Gedenkens findet, so wäre sein Spott, dessen bin ich mir sicher, verstummt und einer Rührung gewichen, über deren Tonart er, der geniale Spötter, doch auch mit dem dunklen Zauber der Melancholie verfügte. Denn was ist das für ein Heine, den uns Bert Gerresheim enthüllt: nicht der Lebemann, nicht der aristophanische Spötter, nicht der scharfzüngige Satiriker, sondern es ist der Heine der Matratzengruft, der Dichter der „Lamentationen“, der sich im Bilde des sterbenden Lazarus sah, „mit leidend sanften Mienen“, wie er sich in seinem letzten Gedicht als Toten imaginierte. Und ein Riss geht durch sein Antlitz und die ganze Büste, ein Riss, der viele Deutungen zuläßt: er kann Ausdruck seiner gespaltenen Identität, des schmerzlichen Bruchs zwischen ihm und Deutschland sein, aber auch ein Mittel der Verfremdung und Irritation des herkömmlichen, gerade im schönen Bildersaal der Walhalla gewohnten statisch-repräsentativen Porträts, das die abgebildete Persönlichkeit als Ganzheit vorstellt.

Nein, dieser Heine ist kein ganzheitlicher, wohlintegrierter, im Sinne kunst- und gedächtnisfrommer Erbauung stilisierter und domestizierter Heros der deutschen Kulturgeschichte, sondern ein Zerrissener, in sich widersprüchlich und den Betrachter an die unheilvolle Wirkungsgeschichte dieses Dichters gemahnend, die vielfach eine Verdrängungs-, Vergessens-, ja Gedächtnisvernichtungsgeschichte war. So stellt diese – in ihrer Art in der Walhalla einzigartige – Büste sich selbst, ihren eigenen Auftrag, das Ritual ihrer Aufstellung und den ganzen monumentalen Anspruch und architektonischen Rahmen dieser Ruhmes- und Ehrenhalle in Frage. Es entspricht nicht mehr unbedingt unserer Erinnerungskultur, große Gestalten unserer Geschichte durch Büsten zu ‚monumentalisieren’. Die Walhalla ist, mit Richard Wagner zu reden, ein „wehvolles Erbe“. Aber zu einem Erbe gehört nun einmal nicht nur das Gute, sondern auch das Fragwürdige. Es kommt nur darauf an, wie man mit ihm umgeht: dass man aus dem Stein des Anstoßes den Funken des Guten herausschlägt, wie es ja auch mit der Aufstellung der Büsten von Sophie Scholl und Edith Stein geschehen ist. Eines steht jedenfalls fest: Heine braucht nicht die Walhalla, aber die Walhalla braucht ihn! Es mag die Königstreuen schmerzen, dass ausgerechnet ein Dichter nun in der Walhalla geehrt wird, der ihren Stifter verhöhnt hat. Das wäre weißgott nicht im Sinne Ludwigs I. gewesen – aber um so mehr im Sinne der Wittelsbacherprinzessin und späteren Kaiserin Elisabeth von Österreich, einer der glühendsten Heine-Verehrerinnen ihrer Zeit.

Eben seine Infragestellung legitimiert den Anlass, aus dem wir uns heute zusammengefunden haben. Wir können diese Halle, das Denkmal eines uns durch geschichtliche Erfahrung fragwürdig gewordenen Begriffs von Ruhm, Ehre und nationalem Stolz nur mit einer Mischung aus Traditionsverpflichtung und Traditionskritik, Identifikation und Distanz, mit jener höheren Ironie ernst nehmen, die das in ihren Fokus Geratene ebensowohl anerkennen wie aufheben will. Und eine so verstandenen Ironie – die spezifische Ironie Heinrich Heines -, verträgt sie sich nicht wunderbar mit der liberalitas bavarica, die eben auch Selbstkritik einschließt, einschließen sollte?

Nach dem Willen von König Ludwig I. sollen in der Walhalla Büsten von bedeutenden Personen „teutscher Zunge“ aufgestellt werden. Wer aber hätte diese „teutsche Zunge“ virtuoser beherrscht als Heine, welchen Nietzsche in Ecce Homo den (neben sich selber) „ersten Artisten der deutschen Sprache“ genannt, dessen Börne-Streitschrift Thomas Mann 1908 als „genialste deutsche Prosa bis Nietzsche“ gerühmt hat, und dessen Gedichte, mit seinem eigenen Vers zu reden, „auf Flügeln des Gesanges“ die ganze gebildete Welt bewegt haben und bewegen – ist er doch neben Goethe der meistvertonte Lyriker der Literaturgeschichte. Heine hat den Teutschen recht eigentlich die Zunge gelöst, ja er hat sie sprachlich das Tanzen gelehrt.

Trotz alledem: Heine ist immer noch einer der am meisten irritierenden deutschen Autoren, der nie zum unangefochtenen „Klassiker“ aufgerückt ist. Er verkörpert aufs Schönste, was Hans Egon Holthusen in einer Essay-Sammlung den „Eigensinn der Literatur“ in des Wortes doppelter Bedeutung genannt hat. Von keiner Partei hat der ,Eigensinnige’ sich vereinnahmen lassen wollen. „Zwecklos ist mein Lied“, hat er in Atta-Troll gedichtet: „Ja, zwecklos wie die Liebe, wie das Leben, / Wie der Schöpfer samt der Schöpfung!“ Sein Pegasus wolle weder „nützlich tugendhafter Karrengaul des Bürgertums“ noch pathetisch stampfendes und wieherndes „Schlachtpferd der Parteiwut“ sein. Das ist die Signatur seiner Schriftstellerei und Poesie: politisch engagiert und doch auf der Autonomie der Dichtung insistierend, er selber ein Freigeist und doch ein Theist von authentischer Religiosität, ein Ironiker und doch dem, was er ironisiert, in der Tiefe des Gemüts in Sympathie verbunden, ein Mann des Witzes in allen Spielarten und doch der Emphase fähig, Jude und doch Kritiker jeglichen – auch eines jüdischen – Dogmatismus und nicht zuletzt: Kosmopolit und doch deutscher Herzenspatriot.

Heine war keineswegs ein „Verfassungspatriot“, wie jüngst von ihm gesagt wurde, denn wo wäre die Verfassung gewesen, auf die sich ein solcher Patriotismus hätte stützen können; vielmehr hat er gestanden, dass auf dem Grunde seiner Seele – „auch im Gemüte des Aufgeklärtesten“ – ein „Alräunchen“ gefühlsmäßiger Identifikation mit der eigenen Nation niste, weshalb er nie im Stande gewesen sei, sich in der erzwungenen Pariser Emigration von seinem „Deutschtum“ loszusagen, sein „Vaterland aufzugeben“, ja „auch nur pro forma ein Franzose zu werden“ (wie er sehr wohl als Jude pro forma Christ geworden ist; die deutsche Identität war ihm letztenendes doch wichtiger als seine jüdische, und er hätte beide am liebsten verschmolzen gesehen). Auf seiner „letzten Schlafstätte“, so heißt es in Lutetia, solle man schreiben: „Hier ruht ein deutscher Dichter.“

Und als dieser deutsche Dichter glaubte er die „pazifike Mission“ zu haben, „die Völker einander näher zu bringen“, wie er in einem Brief von 1833 schreibt: „Ich bin daher der inkarnierte Kosmopolitismus, ich weiß, dass dieses am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und ich bin daher überzeugt, dass ich mehr Zukunft habe als unsere deutschen Volkstümler, ... die nur der Vergangenheit angehören.“ Wie recht sollte er behalten! Auch Nietzsche hat ihn – den wohl bedeutendsten Vermittler deutscher Literatur und Philosophie in Frankreich – jenen wenigen erlesenen deutschen Geistern zugezählt, die deutlich vorausgesehen haben, dass „Europa eins wird“ und dass eine sich abkapselnde Nationalität im nächsten Jahrhundert passé sein wird. Als einem der großen geistigen Wegbereiter Europas und einem der bedeutenden deutschen Autoren, welche die jüdische Identität in die deutsche zu integrieren versuchten, gebührt ihm der nunmehr hochsymbolische Platz in der Walhalla. Seiner soll mit dem Leidensporträt von Bert Gerresheim, das gleich enthüllt wird, heute, hinfort und immer in Ehrerbietung und Liebe gedacht werden.


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