„JEDE ZEIT HAT IHRE AUFGABE,
UND DURCH DIE LÖSUNG DERSELBEN RÜCKT DIE MENSCHHEIT WEITER.“
HEINRICH HEINE

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Mit dem FÖRDERPREIS DES HEINRICH HEINE KREIS werden auf jährlicher Basis nicht nur Erfolge, sondern insbesondere auch Teilerfolge auf dem Weg zum eigentlichen Erfolg gefördert, um gewissermaßen eine kleine zusätzliche Brise in das Segel eines vielversprechenden Schiffes zu pusten. Denn: Überall werden Erfolge mittels der Vergabe von Preisen honoriert: "Bester X in der Kategorie Y" oder "Schneller, Höher, Weiter ..". Zu oft wird hierbei mit der Wurst nach der Speckseite geworfen, D.h.: Diejenigen, die auszeichnen, hängen sich quasi an ohnehin hochdekorierte Persönlichkeiten, um dem Preis etwas Glanz zu verleihen. Leider vergessen sie dabei, dass der Preis dem Auszuzeichnenden Glanz verleihen sollte und nicht umgekehrt! (René Heinersdorff)

 

Jury:   Vorstand des Heinrich Heine Kreis e.V.

FÖRDERPREIS 2017

Im ersten Jahr der Vergabe dieses Förderpreises hat der Vorstand beschlossen, das Preisgeld einmalig zu verdoppeln und zwei besonders herausragende Bewerbungen zu prämieren. Es sind dies:

 

• das TheaterLabor TraumGesicht e.V

• und NEPUMUCK Die Schauspielschule

 

Die offizielle Übergabe der beiden Förderpreise erfolgt am 06. Dezember 2017 im Rahmen der traditionellen Adventsfeier des Heinrich Heine Kreis durch den Vorstand des Heinrich Heine Kreis e.V. in Anwesenheit des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Düsseldorf, Thomas Geisel, und seiner Frau Dr. Vera Geisel.

 

TheaterLabor TraumGesicht e.V.

Wolfgang Keuter und Gianni Sarto arbeiten seit 1980 in Schauspielprojekten im In- und Ausland zusammen.

Im Juli 1985 haben sie den Verein TheaterLabor TraumGesicht e.V. in München gegründet. Über Italien, den Schwarzwald und das Ruhrgebiet sind sie 2010 in Düsseldorf angekommen.Ziel des Vereins ist, Menschen aller Altersgruppen in ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung zu fördern. Die Basis dieser Arbeit ist dabei Selbsterfahrung und prägnante darstellerische Stilmittel aus dem Fachbereich Bühne. Damit unterstützen sie soziale und künstlerische Kompetenz.

TheaterLabor TraumGesicht engagiert sich um die Förderung von Kunst und Kultur. Regelmäßiger Schauspielunterricht, ein daraus sich bildendes eigenes Ensemble, die eigene Kostüm- und Maskenwerkstatt und Aufführungen vereinen Professionalität und sozial-künstlerisches Engagement. Der Wunsch von Wolfgang Keuter und Gianni Sarto ist, mit den Aktivitäten des TheaterLabor TraumGesicht dauerhaft einen künstlerischen Beitrag in Düsseldorf zu leisten und zu einer festen Einrichtung mit einer eigenen Bühne zu kommen.

Eine der Besonderheiten des Inszenierungsstils ist das ritualisierte Theaterspielen, geprägt von expressiver und meditativer Darstellung im Wechsel von verfremdendem und ritualisiertem Ausdruck. Alte Theaterformen, z.B. das japanische Nö-Theater, und die von Wolfgang Keuter entwickelte Methode Slow Acting, charakterisieren den Inszenierungsstil mit überhöhten Schminkmasken und Kostümen von Gianni Sarto.

 

NEPUMUCK Die Schauspielschule

Im März 2006 eröffnete Katja Henkel  NEPUMUCK Die Schauspielschule erstmals auf 60 Quadratmetern in Oberkassel. Damals richtete sich das Kursangebot ausschließlich an Kinder im Alter von 6 – 12 Jahren. Nach einigen Jahren wurde der Raum bereits zu klein - die Kinder sind mit der Schauspielschule gewachsen, ein Umzug war unumgänglich. 2010 wechselte die Schauspielschule nach Unterbilk. Damit konnte auch das Kursprogramm ausgebaut werden. Talentierte Schüler, die ihr Hobby weiter ausbauen wollten, konnten jetzt adäquater gefördert werden.

Aus der Kinderschauspielschule wurde eine Schauspielschule für Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene. Mit einem erneuten Wechsel nach Pempelfort konnte nunmehr der Traum von Katja Henkel nach einer eigenen kleinen Bühne verwirklicht werden, auf der jetzt kleine Aufführungen mit einem echten „Theater Feeling“ veranstaltet werden können.

Das vorrangige Ziel von Katja Henkel ist es, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich durch die Schauspielerei kreativ entfalten zu können. Dabei geht es nicht nur darum, Fähigkeiten zu entwickeln, die für die professionelle Schauspielerei nützlich sind. Vielmehr trägt die Theaterarbeit auch zur persönlichen Entwicklung bei, die sowohl in privaten und schulischen als auch beruflichen Bereichen nützlich ist. Selbstbewusstsein, Toleranz und Teamwork werden genauso spielerisch und fast unumgänglich mit gefördert wie die Fähigkeit, frei vor Publikum zu sprechen.

FÖRDERPREISE 2016 - GESPRÄCHE MIT DEN PREISTRÄGERN

 

Katja Henkel im Porträt – Schauspielschule Nepumuck

 

Märchen beginnen meist mit „Es war einmal“, manche Erfolgsgeschichten auch, als Katja Henkel, Unternehmerin und alleinerziehende Mutter, für ihre Tochter in Düsseldorf eine Schauspielschule suchte, aber keine fand. Die Geburtsstunde der Schauspielschule Nepumuck, denn Katja Henkel setzte beherzt und couragiert ihre Idee in die Tat um. Im Frühjahr 2018 ist sie, 2015 vom Netzwerk Frauenbande mit dem Unternehmerinnen-Preis ausgezeichnet, bereits zwölf Jahre unermüdlich und engagiert für den laufenden Betrieb der Schauspielschule Nepumuck und die Konzeption neuer Angebote und Kursformen „auf Brettern, die die Welt bedeuten“. Ihre zweite Welt, die ihre wahre Heimat ist. Nicht vom Fach, aber dank der Schauspielkurse während ihres BWL-Studiums in den USA und ihrer Liebe fürs Theater „vorbelastet“ und hoch motiviert. Zwei Stunden nahm sich Katja Henkel Zeit, mir an einem Freitagnachmittag Ende November die Schauspielschule zu zeigen, mir mit der Geschichte über zwölf Jahre harte, aber gewinnbringende Arbeit einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren und meine Fragen zu beantworten. Stoff genug für eine Serie.

 

hb: Fast 12 Jahre sind Sie mit der Schauspielschule Nepumuck in Düsseldorf erfolgreich und auf „Wachstumskurs“, auch, weil Sie Ihr Engagement mit Angeboten für die Lerngruppen Jugendliche und Erwachsene bereichert haben. Wie erklären Sie sich diese Nachfrage, die sicher auch dem Wunsch vieler entspringt, einmal auf der Bühne zu stehen und einmal eine Rolle zu spielen? Nur L’art pour l‘art, oder steckt mehr dahinter?

 

Die Eltern, die ihre Kinder zu mir schicken, haben nicht im Sinn, dass ihre Tochter von mir zu einer Jodie Forster geformt wird. Ihr Herzensanliegen ist es, dass ihr Kind durch den Schauspielunterricht gefördert wird, Hemmungen abzulegen, Schüchternheit abzustreifen, frei und überzeugend sprechen und vortragen zu können, ungezwungen, frei und einnehmend vor großem Publikum auftreten zu können. Aufbau und Verfestigung von Soft Skills, die unerlässlich für alle Bereiche des Lebens sind. Meine Arbeit widmet sich der Entwicklung und Festigung von Persönlichkeit. Schauspiel ist die älteste und wirkungsvollste Methode, dieses Ziel zu erreichen. In Rollenspielen erfährt der Mensch sein tieferes Selbst, seine verborgenen Talente und Fähigkeiten, die er im geschützten Raum der Schauspielschule erproben und ertüchtigen kann. Das sind Erfolge inneren Wachstums, die ihn bereichern und ihm eine beständige Sicherheit bieten. Versagensängste, Nervenflattern, sich in der zweiten Reihe verstecken sind doch Handicaps, die als lebenslängliche Barrieren der Entfaltung eines glücklichen Daseins im Wege stehen. Bei jungen Menschen ist der Spieltrieb noch ungebrochen, sodass mit Schauspiel diese natürliche Kraft für die Entwicklung und Reife zu einer souveränen und akzeptierten Persönlichkeit genutzt werden sollte. Die vielen Feedbacks, die ich erhalten habe, bestätigen diese Philosophie.

 

hb: Hat nach Ihrer Ansicht und Ihren Erfahrungen jeder Mensch das Talent zum Schauspieler bzw. sollte jeder es einmal versuchen, und falls ja, warum?

 

Nicht zum professionellen Schauspieler, aber zum Schauspiel auf jeden Fall. Was ich von den Kindern und Heranwachsenden gesagt habe, gilt natürlich auch für Erwachsene. Auch sie sind durchaus fähig, im Schutzraum Theaterschule an ihrer Persönlichkeit zu feilen. In meinem Schauspieltraining für Erwachsene lernen Menschen aller Berufsgruppen, wie sie sich frei von Hemmungen und Ängsten entspannt und selbstsicher in „Szene setzen“ können. Gewinnende Körpersprache, überzeugender Kommunikationsauftritt und souveräne Präsenz sind Merkmale von wahrnehmbarer Persönlichkeit, die „schauspielerisch“ im Training von Gestik und Mimik, durch Sprechtraining, durch Schulung emotionaler Ausdrucksmöglichkeiten und Fremd- und Selbstwahrnehmung erworben und verstetigt werden können. Persönlichkeit bewirkt eine soziale Wertschätzung, eine Form der Belohnung, die auch und insbesondere einen Mehrwert als Selbstwertschätzung auszahlt.

 

hb: Nepomuck ist der Held einer Erzählung von Christine Erdiç, Ist dieser kleine Kobold der heimliche Taufpate für die Namensgebung, und falls das stimmt, warum?

 

Nepumuck ist eine Figur, die häufig in Kinderbüchern in verschiedenen Rollen auftritt und sogar in der Sesamstraße als Gespenst Nepomuk neun Jahre gastierte. Schon wegen der Vertrautheit und Beliebtheit dieses Namens fiel die Wahl auf Nepumuck in der Schreibweise mit dem doppelten U. Von den Kindern wird der Name gut angenommen, aber auch die Erwachsenen fühlen sich unter Nepumuck als Dachbegriff der Theaterschule gut aufgenommen und betreut.

 

hb: In fünfzehn Jahren Tätigkeit als „Bewerbungsmanager“ von lernschwächeren Schulabgängern habe ich nur selten einen jungen Menschen im Rollenspiel erlebt, der in der Simulation ein Vorstellungsgespräch „sauber über die Bühne“ gebracht hat. Würden Sie spezielle Kurse für diese Lerngruppe anbieten?

 

In jedem Fall, doch diese von einigen Arbeitsagenturen angebotenen und finanzierten Kurse, vor allem auch für erwachsene Langzeitarbeitslose, sind einfach zeitlich zu kurz gestrickt. Kaum sind die ersten Schritte in Richtung Persönlichkeitsentwicklung erfolgt, endet die Förderung, sodass der Kursteilnehmer auf halber Strecke steckenbleibt. Wer so lange von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen war oder als Kind aufgrund prekärer Lebensverhältnisse ein „Schattendasein“ führen musste, braucht mehr Zeit und intensive Betreuung, um seine eigene Persönlichkeit zu finden und somit wieder Selbstsicherheit und Selbstvertrauen aufzubauen.

 

hb: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihre Arbeit und Ihre Verdienste mit einem Förderpreis ausgezeichnet werden? Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

 

Gehofft ja, gerechnet kaum. Umso größer die freudige Überraschung, neben dem TheaterLabor Traumgesicht zur Preisträgerin des ersten Förderpreises des Heinrich Heine Kreises auserwählt zu sein. Für mich ist diese Auszeichnung von hoher Bedeutung, weil durch die öffentlichkeitswirksame Würdigung die Theaterschule Nepumuck ins Licht der gesellschaftlichen Wahrnehmung gerückt wird, wir große Aufmerksamkeit erhalten und mit dem damit verbundenen Bekanntheitsgrad und der Reichweite die Chancen für unsere Zukunftspläne erheblich steigern. Außerdem ist es eine hohe Wertschätzung unserer bislang geleisteten Arbeit.

 

hb: Sie hätten die Möglichkeit, der Schulministerin mit einigen Statements nahe zu legen, Schauspiel als Unterrichtsfach in den Fächerkanon einzubringen. Mit welchen Argumenten und Botschaften würden Sie die Ministerin zu überzeugen versuchen?

 

Ich würde dafür plädieren, dass die Verantwortlichen in NRW den Blick nach Hamburg richten, wo das eigenständige Schulfach „Darstellendes Spiel“ (DSP) als Pflichtfach bereits in Grundschulen unterrichtet und ferner durchgängig in allen Schulformen bis zum Abitur angeboten wird. „Darstellen und Gestalten“, das für NRW entwickelte Wahlpflichtfach, ist erst ab der Jahrgangsstufe 6 und auch ausschließlich für Gesamtschulen vorgesehen und wird nur vereinzelt angeboten. Hamburg hat den richtigen Weg eingeschlagen, NRW hinkt hier weit hinterher, so meine erfahrungsbasierte Überzeugung.

 

hb: Wie sind Ihre Zukunftspläne. Gibt es neue Ideen, Menschen für die Schauspielerei zu gewinnen?

 

Ein Theaterprojekt mit jungen Flüchtlingen befindet sich aktuell in der Anbahnungsphase. „Let`s act together“ setzt sich das Ziel, die Integration zu fördern und zu beschleunigen, indem 15 junge Flüchtlinge im Alter von 12 bis 16 Jahren gemeinsam mit gleichaltrigen Deutschen sowie schon länger in Deutschland lebenden Migranten ein Jahr lang einmal wöchentlich in der Schauspielschule sich auf der Bühne austoben, sich näher kennen und verstehen lernen. Traumata und Fremdheit werden durch die erlebbaren Erfahrungen von Toleranz, Miteinander und Freundschaft spielerisch abgebaut, die interkulturellen Begegnungen schaffen ein Klima der Verständigung und führen zur Einsicht, dass wir alle Menschen dieser Erde sind, die unsere gemeinsame Heimat ist und es auch bleibt, wenn wir in Frieden und Freundschaft miteinander leben.

 

Ein anderes Projekt, „Business meets Theater“, richtet sich an Firmen und deren Mitarbeiter und hat die Intention, über die Erkennung und Verarbeitung von Stärken und Schwächen sich in Rollenspielen die Sicherheit und Überzeugungsfähigkeit für Verhandlungen, Diskussionen und andere Spielarten zur Findung und Durchsetzung von Entscheidungen anzueignen.

 

Der Ansatz ist innovativ und kreativ aufgeladen, so hb, der nicht mehr verraten möchte und Frau Katja Henkel abschließend für die aufschlussreichen Berichte und Schilderungen wie auch die tolle Gesprächsatmosphäre dankt.

 

(hb)

 

 

 

Fragen an Wolfgang Keuter und Gianni Sarto – TheaterLabor Traumgesicht e.V.

 

Eine gute Stunde gehörte die Zeit an einem nasskalten, stürmischen Novembernachmittag im Rosie’s den Erinnerungen und Geschichten, die den langen Weg des Theater TraumLabor nachzeichneten und die Intentionen und Ideen der beiden Theatermacher zur Sprache brachten.

 

hb: Sie beide haben 1985 mit der Vereinsgründung das TheaterLabor Traumgesicht e.V. in München aus der Taufe gehoben und sind seitdem im Genre Theater unermüdlich aktiv und kreativ engagiert. Was hat Sie beide zusammengeführt?

 

Die Mitte ist der Ort des Zen, wohin ein langer Weg führt, will der Suchende diese Mitte erreichen. Ein griechisches Restaurant in München war der mythische Ort, an dem sich die Wege von Wolfgang Keuter und Gianni Sarto kreuzten. Als sie das Lokal am späten Abend verließen, gingen sie den weiteren Weg gemeinsam.

 

Wolfgang Keuter, in Düsseldorf geboren und aufgewachsen, besuchte mit 19 Jahren eine Theaterschule und verwirklichte seinen Wunsch, Schauspieler zu werden. Der Beruf schenkte ihm indes nach Jahren nicht mehr die erhoffte Erfüllung, es gab kein Weiterkommen auf der Suche nach dem Selbst. Sein Weg führte ihn in den Schwarzwald, ins Tal der Stille, wo er eine Weiterbildung zur Tiefenpsychologie absolvierte. Er studierte das Werk von Carl Gustav Jung, seine analytische Psychologie, das offene Konzept der Archetypen, aber befasste sich auch intensiv mit Zen und mit dem Psychodrama. Aus diesem Wissen entwickelte er seine originäre Methode, das Slow Acting, zur Persönlichkeitsentfaltung. Aus dem Ich in das Selbst zu gelangen, die vielen Potentiale in sich zu finden, zu einer authentischen, spirituell reicheren Persönlichkeit zu reifen. In vielen Kursen mit Managern großer Unternehmen - wie z.B. IBM - vermittelte er diesen Weg des „Zu-sich-selbst-Kommens“.

 

Gianni Sarto, in Düsseldorf lebender Bajuware, hat seine kreativen und künstlerischen Befähigungen dem Theater und der Oper gewidmet und sich als Maskenbildner und Couturier für Bühnenkostüme einen Namen erworben. Lange war er, reiner Autodidakt, an der Bayerischen Staatsoper engagiert und hat in vielen Inszenierungen des TheaterLabors Traumgesicht den Spielern ein unverwechselbares Gesicht verliehen und sie mit fantasievollen Gewändern für ihre Rolle geschmückt. Sein feines Gespür, dem bloßen Gesicht mit der kunstfertig mit Schminke aufgetragenen Maske eine eindrucksvolle Expression zu schenken, kann nicht treffender als die „Magie des Ausdrucks“ beschrieben werden, in der die Persönlichkeit der Rolle sichtbar wird, die der Schauspieler verkörpert. Faszinierend ist eines seiner Traumgesichter, eine Frau mit vier Pupillen. Schließt sie ihre Augen, kommen die zweiten Augen zum Vorschein, die auf ihre Augenlider aufgetragen sind. Die Liebe zum japanischen Nô-Theater hat ihn auch bewegt, prachtvolle Kimonos nach ethnologischen Vorlagen zu schneidern.

 

hb: Titel von Publikationen über Ihre gemeinsame Arbeit lauten „Schau-Spiel als Weg“. Diese Kardinalaussage oder Parole ist Anlass für die Frage, ob Ihre Wanderjahre zu verschiedenen Schauplätzen ein gesetztes Ziel oder ein Treiber Ihrer gemeinsamen Arbeit war? Die Wanderbühne blickt doch auf eine lange Tradition zurück.

 

Die Wanderbühne ist nicht die Metapher, dass wir an verschiedenen Orten gelebt und gewirkt haben. Der Weg ist die zentrale Bewegung im Zen, den der Suchende nach dem selbst beschreitet. Das Schauspiel ist hier die Kunstform, mit den Stilmitteln des Rollenspiels des Slow Acting auf diesem Weg seine Authentizität zu finden. Es sind zwei Wege, die miteinander korrespondieren, um sich in der Art einer Synthese zu vereinigen, zu versöhnen, der innere und der äußerere Weg, sie müssen zueinander kommen und die Mitte einnehmen. Meditativ und expressiv sind nur zwei Seiten oder Pole unseres Fühlens, Denkens und Handelns. Der abendländische Dualismus, schon von Platon in Soma und Sema beklagt, die physische Trennung von Körper und Seele, wird im Schau-Spiel als Weg schrittweise aufgehoben, weil beide Sphären eine Einheit sind, die es wiederherzustellen gilt. Diese Selbst-Verwirklichung kann mit Slow Acting durch eine Art Entschleunigung erreicht werden, die Verlangsamung der Bewegungsabläufe, die Pausen, das plötzliche Innehalten in der Ruhe, die Stille in der Mitte.

 

Zu unseren Stationen. 1985 gründeten wir in München den Verein Forum Spiel mit Spiel, 1986 verlegten wir unsere Wirkungsstätte nach Monte Peconore in Umbrien, kamen 1991 ins Ruhrgebiet und sind seit 2010 in Düsseldorf. An diesen Orten brachten wir mit wechselndem Ensemble viele Inszenierungen zur Aufführung und kooperierten mit internationalen Künstlern und Gruppen.

 

hb: „Wer keine Zeit für den Traum hat, hat keine Zeit für das Leben.“ Ihr Zitat, Herr Keuter, schmückt den Internetauftritt. Der Traum ist nach Freud der Königsweg zum Unbewussten. In US-Amerika versuchen Neuro-Designer, den Traum „beherrschbar“ zu machen, sodass jeder Träumer in die Lage versetzt werden soll, seine Träume in Regie zu nehmen. Jeder sein Fellini oder Buñuel. Dazu noch Projektor und Betrachter. Ein Zirkelschluss. Welche Rolle spielt der Traum in Ihrer Konzeption von Schauspiel und Theater.

 

Der Traum ist der Ort, wo das suchende Ich in das Selbst eintaucht. In Traumbildern erleben wir die unerschöpfliche Fülle unserer Seins-Möglichkeiten, die Elemente unserer Persönlichkeit sind, die im reinen Dasein des Ich nicht zur Entfaltung kommen. Das Ich ist vom Bewusstsein getragen, der Weg zur authentischen Persönlichkeit bedarf des Unbewussten als Quelle seiner Facetten und Kräfte, um in Form einer Assimilation sich diese Wesensanteile im Schau-Spiel als Weg anzueignen. Es ist keine Metamorphose, es ist viel mehr, es ist die Verkörperung der Imagination von sich selbst. So entstand auch der Begriff Traumgesicht für unser Theaterlabor, das zweite Gesicht als die Epiphanie und Manifestation der verwirklichten Persönlichkeit. Was wie eine Verfremdung des Ich durch Slow Acting, angereichert mit Elementen des Nô-Theaters, anmutete, ist in Wirklichkeit der Prozess einer Verfremdung des Ich hin zur wahren und authentischen Persönlichkeit. Dieser Weg kann erfolgreich nur über Ritualisierung in der Verlangsamung erfolgen, um über den und mit dem Körper, also Gesten, Mimik, Atem, Sprechen und Bewegungen, die Schale des Ich aufzubrechen, sich zur Persönlichkeit zu befreien. Im Traum erleben wir die gleichen Abläufe, die im Schau-Spiel als Weg inszeniert, realisiert und erfahrbar erlebt werden können.

 

hb: Am Standort Düsseldorf haben Sie anspruchsvolle Stücke von Harold Pinter mit Ihrem Ensemble zur Aufführung gebracht. Und zuletzt mit „Blütenzweige in der Reisiglast“ eine Inszenierung realisiert, in der die Wahrheit auf der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit erfahrbar ist. Gibt es Hoffnung für Sie, in Düsseldorf eine eigene Bühne zu bekommen, und was sind Ihre künstlerischen Intentionen, das Theaterangebot in Düsseldorf mit Ihren Aufführungen zu bereichern?

 

Werke von Harold Pinter sind wie geschaffen für uns, weil sie im Kern ein Psychodrama sind. So auch „Asche zu Asche“, in dem zwei Menschen im gesprächigen Spiel von Fragen und Antworten sich ihrer Vergangenheit vergegenwärtigen, die in Träumen, Erinnerungen und archetypisch gespenstischer Realität als Verdrängtes wiederkehrt, worin sich die Zerrissenheit der Psyche offenbart. Das Stück durchläuft die drei Momente des aristotelischen Dramas, Mitleiden (eleos) und Furcht (phobos), die zur Katharsis führen.

 

Leider haben wir in Düsseldorf noch nicht die geeigneten Räumlichkeiten für ein eigenes Theater gefunden, arbeiten mehr oder weniger provisorisch in einem alten Pavillon auf dem Gelände einer ehemaligen Schule im Stadtteil Düsseltal. Unser Traum, für unser TheaterLabor das Gesicht zu finden, harret noch der Erfüllung: Die Bühne für unsere ambitionierten Pläne, mit einem sichtbaren Beitrag unserer Theaterkunst einen eigenen Akzent in der Kunst- und Kulturstadt Düsseldorf zu setzen.

 

hb: Welchen Zweck bzw. welche Zielsetzung verfolgt das Slow Acting. Verbindet sich damit eine Entschleunigung oder bewusste Verzögerung des Handelns, die einen besonderen Effekt oder Nutzen bewirkt?

 

Wir haben schon über Slow Acting gesprochen, möchten es, ohne formelhaft zu wirken, in wenigen Aussagen präzisieren. Spiel, Übung und Ritual sind die tragenden Elemente, um Ausdrucksfähigkeit, Stimme und Atemtechnik zu verbessern und verfeinern, um der Sprache mehr Gehör durch Schulung zum authentischen Sprechen und Reden zu verschaffen und die Fähigkeiten zu Interaktion zu fördern und auszubauen. Wir verhelfen dem inneren Ruf nach Gestaltungsfreude zum Ausdruck, entfalten die innewohnenden Kräfte und Talente, die einer Persönlichkeit Form, Präsenz und Kontinuität geben.

 

hb: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihre Arbeit und Ihre Verdienste mit einem Förderpreis ausgezeichnet werden? Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

 

Wir haben uns natürlich sehr über diese Auszeichnung gefreut und sind mit Dankbarkeit für die damit verbundene Anerkennung und Wertschätzung unseres langjährigen Engagements erfüllt. Wir erhoffen uns auch größere Publizität und Bekanntheit und hegen damit die Erwartung, dass sich unser Wunsch nach einem Theaterraum erfüllt, in dem wir unser Wirken besser entfalten können.

 

(hb)

 

 

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